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Umrisse von Frau, die Arme ausstreckt und Mann, der sitzt und sie an den Beinen festält
15. September 2017
Standpunkt

Potentialentfaltung vs. Selbstoptimierung

Sich selbst treu bleiben? Klingt gut. Schwächen überwinden, über sich hinauswachsen? Ja, gerne. Aber wie passt das zusammen? Wann kann man bei der Arbeit am Selbst von Potentialentfaltung sprechen, und wann schlägt sie um in Selbstoptimierung, bei der wir einen Gemischtwarenladen von Standards zu erfüllen versuchen, die im Zweifel nichts mit uns zu tun haben?

Potentialentfaltung oder Selbstoptimierung – der feine Unterschied

In allgemeinen Begriffen ist es nicht schwer, den Unterschied von Potentialentfaltung und Selbstoptimierung festzumachen. Potentialentfaltung bedeutet, all das Gute, Starke und Schöne in Praxis umzusetzen, was als Sehnsucht, Energie oder Kreativität in uns schlummert. Selbstoptimierung dagegen ist das Bemühen, etwas zu sein, was wir als Anforderung im Außen wahrnehmen. Pointiert: Potentialentfaltung macht uns zur bestmöglichen Verkörperung unserer selbst. Selbstoptimierung macht uns zur schlechten Kopie fremder Ideale.

Eigensinnige Potentialentfaltung versus systemsinnige Selbstoptimierung?

Als Lebewesen sind wir immer in Bewegung. Die Zeit vergeht, wir werden älter und (hoffentlich) reifer, wir lernen, wir vergessen. Auch die Welt um uns herum verändert sich. Goethes Zeile „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!“, wird oft als Aufruf zu romantischem Schwelgen fehlinterpretiert. Fehl- deshalb, weil darauf folgt: „Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn.“

Denn Leben ist Streben. Stillstand ist keine Option – auch wenn die Idee, am Augenblick festzuhalten, verführerisch ist. Eine Fünf-Minuten-Taste für alle Gelegenheiten wäre cool – kreiert aber nur eine schöne Illusion. Danach ist es fünf Minuten später. Die Welt hat sich weitergedreht, und wir haben unendlich viele Dinge nicht getan, die wir hätten tun können und zum Teil auch gerne getan hätten.

Wenn also am Streben kein Weg vorbeiführt, stellt sich die Frage: Wonach? Besser zu werden, okay, aber was ist „besser“? Welche Kriterien gelten dafür, und wer definiert die? Naheliegend: Es sollten eigene Kriterien sein, selbstgesetzte und eigensinnige, nicht äußere, systemsinnige. Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig.

Potentialentfaltung am Beispiel Kreativität

Nehmen wir Kunst und Kreativität als Beispiel für Potentialentfaltung. Ein Kunstwerk ist eine gute Analogie für ein Menschenleben. Beide verlangen individuelle Gestaltung, immer und unausweichlich. Ein Kunstwerk ist etwas, das sonst niemand so hätte herstellen können, so wie niemand sonst Dein Leben leben kann.

Aber Kunst beruht auf Normen, Regeln und Techniken, wobei es nicht darauf ankommt, dass der einzelne Künstler sie artikulieren kann. Bevor und während Musiker und Schriftstellerinnen, Bildhauer und Schauspielerinnen den Olymp des kreativen Ausdrucks erklimmen, müssen sie die Regeln der Kunst verinnerlichen. Würde die Anweisung von Anfang an lauten „Tu einfach, was Dir Dein Bauchgefühl eingibt“, käme dabei nicht viel heraus.

Potentialentfaltung als Verkörperung von Kultur

Ein gedachter Gegensatz von Innen und Außen ist also nicht genug. Das Individuelle und das Soziale können in Opposition zueinander stehen, müssen es aber nicht. Warum sollte das auch so sein? Die Regeln der Kunst würden gar nicht existieren, wenn sich nicht Generationen von Menschen immer wieder auf sie als geeignete Formen kreativen Ausdrucks geeinigt hätten.

Es geht also darum, die lebensbejahenden und produktiven Elemente der Kultur zu pflegen und zur eigenen Potentialentfaltung zu nutzen – was das gleiche ist! – und die korrumpierenden zurückzuweisen.

Ein Blick in den Spiegel

Den Unterschied zwischen Potentialentfaltung und Selbstoptimierung erkennt man durch einen ehrlichen Blick in den Spiegel. Bringt es Dich weiter, wenn Du vor einer Deadline 14 Stunden am Tag arbeitest, dabei zu wenig isst, zu wenig schläfst und zu viel Kaffee trinkst, nur um Dich nach der Abgabe sofort ins nächste Höllenprojekt zu stürzen? Unsere Antwort (Deine kann Dir tatsächlich nur der Spiegel geben): eine Zeit lang vielleicht, weil Du viel lernst.

Aber es gibt eine Grenze. Wo die verläuft, teilt Dir Dein innerer Spiegel mit, nämlich Dein Körper. Hältst Du Dich aufrecht? Hast Du Verspannungen? Fühlst Du Dich nach dem Projekt stärker oder schwächer? Lohnen sich die Opfer, die Du bringst?

„Mit sich im Einklang sein“ mag wie ein Klischee klingen. Das ist es aber nur, weil wir diesen Einklang so oft wider besseres Wissen ignorieren. Und wenn wir mal entscheiden, die gröbsten Baustellen anzugehen, wollen wir den Erfolg sofort. Die berühmten Neujahrsvorsätze sind ein typisches Beispiel für den Irrweg der Selbstoptimierung: Ab morgen bin ich ein Soldat oder Roboter und mache alles richtig. Darauf folgt das ebenso berühmte Scheitern dieser Vorsätze. Wir haben genug Sorgen und brauchen nicht auch noch uns selbst als Einpeitscher im Rücken, vielen Dank.

Besser: 365-mal im Jahr eine zusätzliche Kleinigkeit richtig und eine weniger falsch machen. Wobei „richtig“ und „falsch“ so definiert sein sollten, dass man sich selbst keine Gewalt antut, sondern die eigenen Bedürfnisse und Hoffnungen ehrt. Schon nach weit weniger als 365 Tagen ist man dem eigenen Potential ein gutes Stück näher – und die Frage nach dem Optimalen weniger relevant.

Sebastian Wessels

Als Soziologe und freier Autor schreibt Sebastian mit unerschöpflicher Neugier über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

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