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Gruppe bei Konferenz auf Wiese
6. Oktober 2017
Vision

Lebenslanges Lernen im Beruf – Fluch oder Segen?

Die Idee des lebenslangen Lernens im Beruf hat etwas von einer sogenannten Kippfigur: einem Bild, das als zwei oder mehr verschiedene Gestalten wahrgenommen werden kann. Beim Anschauen wird plötzlich der Hase zur Ente oder ein Krug zu zwei einander zugewandten Gesichtsprofilen. Lebenslanges Lernen kann in dieser Weise für Selbstentfaltung, aber auch für Ausbeutung stehen.

Lebenslanges Lernen im Beruf – Fluch oder Segen?

Viele Menschen, vor allem Kreative und akademisch Gebildete, können sich heute kaum vorstellen, ihr Leben lang denselben Job auszuüben. Das erscheint monoton, der Reiz des Neuen fehlt ebenso wie Freude am Erreichen selbstgesetzter Ziele. Der größere Kontext, in dem sich diese Einstellung herausgebildet hat, ist eine Wirtschaft und Arbeitswelt, die in den letzten Jahrzehnten immer dynamischer geworden ist und daher tatsächlich nur noch in Ausnahmefällen langfristige Anstellungen in derselben Funktion bietet. Passt das nicht etwas zu gut zusammen?

Was bedeutet lebenslanges Lernen im Beruf?

Als Schlagwort verheißt lebenslanges Lernen eine Erwerbsbiographie, die der arbeitenden Person immer wieder neue Entdeckungen bietet und Chancen eröffnet. Den Begriff gibt es aber auch in der beschönigenden Variante: Da verharmlost er die weniger menschenfreundliche Konstellation, dass Lohnabhängige von Job zu Job und Aufgabe zu Aufgabe getrieben werden, ohne dabei ein Wort mitreden zu können, unter dem Druck von Wettbewerb und Profitinteresse.

Ist es also eine Falle, sich auf ständigen Wandel einzustellen? Oder kann solche Veränderungsbereitschaft vielleicht sogar von beiderseitigem Vorteil sein – flexibel einsetzbare Arbeitskräfte für Unternehmen und ein facettenreiches Berufsleben für den Einzelnen? Bleibt einem als arbeitender Person überhaupt etwas anderes übrig, als es zweckoptimistisch so zu sehen?

Das Negativbild: Flexibilität als Verfügbarkeit

In ihrem Artikel über die Zukunft der Arbeit erwähnt Lara das Buch Der flexible Mensch von Richard Sennett, das auf diese Frage eine wenig ermutigende Antwort gibt. An einigen Beispielen zeichnet Sennett das Bild eines entwurzelten Individuums, das gezwungenermaßen immer wieder Orte und Positionen wechselt, um berufstätig sein zu können, und kaum noch Gelegenheit hat, seinen Charakter zu festigen, weil in diesem Leben nichts konstant ist. Der Originaltitel ist dementsprechend The Corrosion of Character.

Das wäre also eine negative Assoziation, die sich mit dem lebenslangen Lernen verbindet, wenn es als Voraussetzung für Berufstätigkeit auftritt. In dieselbe Richtung geht auch der Begriff der „Zumutbarkeit“, wie ihn Sozialbehörden verwenden: Individuelle Ziele, Erfahrungen, Kompetenzen und Werte sind egal, und eine fremde Person entscheidet nicht nur, was Du demnächst zu tun hast, sondern legt über Deinen Kopf hinweg auch noch fest, dass dies „zumutbar“ sei. Wenn jemand nach 20 Jahren qualifizierter Berufsarbeit plötzlich Aushilfsjobs annehmen muss oder auf etwas ganz anderes umschulen soll (Stichwort Lernen), das ihm fremd ist und nicht liegt, ist es nicht zu hoch gegriffen, darin eine Bedrohung der Menschenwürde des Betroffenen zu sehen.

Wenn also vorausgesetzt wird, dass unsere Fähigkeit und Bereitschaft zum Wechsel grenzenlos ist, geht es nicht mehr um Potentialentfaltung, sondern um eine Gefährdung der persönlichen Integrität. Unsere Berufslaufbahn, wie sie auch im Detail aussieht, ist ein Teil von uns. Radikale Brüche sind deshalb nicht nur mit der Notwendigkeit verbunden, zu lernen, sondern verlangen auch, Gewohntes hinter sich zu lassen. Je nachdem, wie stark die eigene Persönlichkeit darauf gründet und daran gebunden ist, kann das ein schmerzlicher Verlust sein.

Sinn, Beständigkeit und lebenslanges Lernen

Rümpfen wir also nicht zu sehr die Nase über den Wunsch nach etwas Beständigkeit. Wir können uns nicht beliebig oft und von Grund auf neu erfinden. Möglichst viel auszuprobieren ist sicher eine gute Sache, vor allem in jungem Alter – aber dabei findet man ja hoffentlich irgendwann das eine oder andere, was den eigenen Talenten und Neigungen gemäß ist und was man in die Zukunft mitnehmen möchte.

Wenn wir die beschriebene schönfärberische Verwendung des Begriffs ausklammern, ist lebenslanges Lernen normaler Bestandteil einer gesunden, gelingenden Biographie. Denn auch wenn wir mehr oder weniger bei denselben Tätigkeiten bleiben, lernen wir ständig dazu – unter der Voraussetzung, dass wir wach geblieben sind und der Sache weiter unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Auch und gerade repetitive Tätigkeiten können sinnstiftend sein, uns wachsen lassen und uns näher zu uns selbst führen. Man denke etwa daran, wieviel Wiederholung fester Abläufe in Sport oder Musik steckt, denen viel mehr Menschen freiwillig nachgehen als solche, die dafür bezahlt werden.

Handwerkszeug für mehr Selbstbestimmung im Beruf

Auch aus den Anforderungen der Flexibilität und Wechselbereitschaft lässt sich viel Gutes schöpfen, solange sie nicht maßlos werden. Im Idealfall ist Lernen bereits an sich eine Bereicherung und Befriedigung. Jede berufliche Station vermehrt die Lebenserfahrung, eröffnet neue Blickwinkel und schafft neue Möglichkeiten, sich zur Welt in Beziehung zu setzen und etwas zu bewirken.

Es erleichtert die Dinge, kontinuierlich ein paar Kenntnisse und Fähigkeiten zu kultivieren, die unabhängig von der Bindung an bestimmte Jobs nützlich sind. Sei es Design und Ästhetik, Text und Schreiben, verbale Kommunikation, Organisation, Marketing, Internettechnik oder BWL und Mathematik: In diesen und anderen Gebieten macht es viel aus, zumindest über Grundkenntnisse zu verfügen. Man kann in verschiedensten Zusammenhängen darauf zurückgreifen. Das verbessert die Jobchancen und auch die Handlungsspielräume innerhalb eines Jobs. Beim Lernen aus eigener Initiative ist es sehr viel leichter, Interesse an der Sache zu entwickeln und sie sich anzueignen, als unter dem äußeren Zwang drohender Arbeitslosigkeit.

Was bei der Diskussion über lebenslanges Lernen immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erfährt, jedenfalls in Deutschland, ist das Unternehmertum. Von Kindheit an bereitet das Bildungssystem uns darauf vor, dass unser Lebensglück später davon abhängen wird, wie attraktiv wir für potentielle Arbeitgeber sind. Das schreibt uns als Berufstätigen von vornherein eine passive, reagierende Rolle zu. Es wäre naiv, ein Allheilmittel darin zu sehen, dass wir alle Unternehmer werden. Doch die Perspektive, dass man mit eigenen Ideen selbst etwas auf die Beine stellen kann, sollte doch zumindest vorkommen – weil es ermutigend wäre und weil es stimmt.

Sebastian Wessels

Als Soziologe und freier Autor schreibt Sebastian mit unerschöpflicher Neugier über das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

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